Delfinschwimmen in den karibischen Gewässern von Bimini

Bootsanführer

SELBSTERFAHRUNG DURCH DELFINE

Mit meiner Entscheidung, mit wilden Delfinen zu schwimmen, erfüllte ich mir einen Kindheitstraum. Seitdem ich damals die Fernsehsendung `Flipper´sah, wollte ich wissen wie das Gefühl ist, Delfinen in freier Natur zu begegnen. Dafür suchte ich nicht nach irgendeinem Ort, nein, es sollte der beste Ort der Welt sein: Bimini! Hier sind die Delfine besonders zugänglich.

Bimini ist eine Inselkette und ein Distrikt der Bahamas inmitten der Karibik. Ein echtes Paradies mit leeren Robinson-Stränden, fern vom Massentourismus.

Zusammen mit einer Freundin bereitete ich mich auf dieses Abenteuer vor. Ausgangspunkt unserer Reise war Fort Lauderdale / Florida. Die Inseln können auf dem Luftweg von dort erreicht werden oder vom Nassauer Flughafen. Auf dem Wasserweg ebenso – von Florida oder von Nassau.

Wildquest, ein Team bestehend aus 10 Leuten, bietet von April bis November die besten Möglichkeiten, um mit wild lebenden Delfinen in Kontakt zu kommen. Wir buchten eine Juni-Woche in deren Retreat, gelegen in einem kleinen Dorf von Porgy Bay.

Nach unserer Ankunft und nach unserer Vorstellungsrunde – unsere Gruppe bestand aus ca. 20 Teilnehmern, bis auf uns alle Amerikaner – ging es am Nachmittag auch schon auf´s Boot. Schnorchel, Tauchmasken und Flossen gab es zum Ausleihen. Die karibische See präsentierte sich uns in den herrlichsten Abstufungen blaugrüner Farbtöne. Eine Wohltat für die Augen, die sonst eher viel Bildschirmflimmern gewohnt sind. Ab und zu schossen fliegende Fische in die Luft und segelten 10–20 Sekunden über der Wasseroberfläche. Voller Vorfreude stellte ich mir vor, wie unsere erste Delfinbegegnung wohl wäre. Wahrscheinlich würden alle Teilnehmer laut jubeln.

Wir nahmen schon mal unsere Sonnenbrillen aus dem Gesicht, für den Fall, dass die ersten Tiere sich bald zeigten. Sie wollen immer den direkten Blickkontakt. Circa 45 Minuten schipperten wir mittlerweile auf dem Wasser, dem Element der Delfine.

„Da! Da hinten ragt eine Finne aus dem Meer heraus!“, rief ich.

„Nein, das ist nur eine Welle“, enttäuschte mich meine Freundin. „Mal sehen, ob ich die Delfine rufen kann.“ Sie stand auf, stellte sich ganz vorn auf die rechte Seite des Bootes und kehrte in sich.

Nach zehn Minuten stand unsere gesamte Gruppe auf und alle öffneten gleichzeitig den Mund. Die Delfine schickten ihren Anführer voraus, erst einige Sekunden später erschien die ganze Großfamilie – Mütter, Väter, Onkel, Tanten…und viele Babys!

Der Skipper machte den Motor aus. Sofortige Stille kehrte bei uns an Bord ein – kein Jubeln, sondern Stille. Tränen flossen, jeder von uns war so sehr mit seinen Gefühlen beschäftigt, jedes Wort hätte diesen heiligen Moment kaputt gemacht. Es waren starke Gefühle, die diese anmutigen Tiere in uns auslösten. Ihre neugierige lebensfrohe Art uns zu begrüßen ging direkt ins Herz. Welch ein Geschenk! In diesem Augenblick gab es keinen Ort der Welt, wo ich lieber sein wollte. Auf diese Begegnung hatte ich lange gewartet. Ich spürte den richtigen Zeitpunkt für diese Reise, mit der ich meinem Leben eine neue Richtung geben wollte – es war wie ein Ruf. Schön, dass ich mir selber die Erlaubnis hierzu gegeben habe.

Noch schöner, dass uns die Crew nun die Erlaubnis gab, ins Wasser zu gehen. Ungeduldig machte ich mich zum Schnorcheln bereit und sprang mit T-Shirt ins Wasser, da ich einen mittleren Sonnenbrand hatte. Den brachte ich schon aus Florida mit.

Das Erste, was die Unterwasserwelt mir bot, war ein riesiger schwarzer Seestern. Das warme Wasser war ungefähr zehn Meter tief und so kristallklar, dass man genau sehen konnte, was sich unten am Grund abspielte. Insgesamt wirkte alles sehr aufgeräumt am Meeresboden. Ich drehte mich im Wasser ein paar Mal um meine eigene Achse, um die Meeressäuger neugierig zu machen. Sie waren mir zu weit entfernt. Auf sie wartend griff ich nach einer Swimnoodle und bewegte meine Beine etwas ruhiger. Doch meine Erwartungen für heute waren zu hoch, näher als zehn Meter kamen sie nicht. Die tröstenden Worte eines Crew-Members erreichten mich nicht wirklich.

Einen Versuch machte ich noch: Ich paddelte parallel zur Schwimmrichtung der Delfine und dann erlebte ich live was sie für einen Speed drauf hatten. Sie können bis zu 35 Stundenkilometer schnell sein. Am Ende unseres ersten Bootsausflugs schmerzten meine Fersen. Blasen hatten sich durch die Flossen gebildet, von den ständigen Paddelbewegungen mit gestreckten Beinen. Reine Gewohnheitssache…

Obwohl ich mir meine erste Delfin-Begegnung etwas anders vorgestellt hatte, war ich selig. Ich war in ihrem Umfeld und irgendwie hatte ich das Gefühl, von ihnen abgescannt worden zu sein. Auch hatte ich das Gefühl, dass sie mir etwas mitteilen wollten. Über diese Gedanken meditierte ich nach dem Dinner mit der Gruppe. Durch die Meditation bekamen wir die Gelegenheit unsere ozeanischen Eindrücke zu verarbeiten. In sich selbst eintauchen, fokussiert atmen und mit neuer Energie wieder auftauchen. Danach fühlte ich mich befreit, so als hätte sich eine Blockade in meiner Brust gelöst. Während der Meditation erschienen mir die Delfine und verkündeten mir folgende Botschaft:

Solange du nicht richtig atmest, kommen wir nicht zu dir!

Genau das war mein Schwachpunkt – meine Flachatmung. Schwer beeindruckt von meiner Meditationserfahrung, machte ich es zu meiner Aufgabe, besinnlicher und tiefer zu atmen. Nicht nur in Entspannungsphasen, sondern gerade in hektischen Momenten, stellte ich immer wieder fest, dass ich mich über die Atmung direkt mit neuer Lebenskraft aufladen konnte. Klingt banal, aber mir wurde erst jetzt bewusst, dass ich jahrelang falsch geatmet habe.

Wegen meines Sonnenbrandes gönnte ich meiner Haut am zweiten Tag eine Pause. Ich hielt mich lediglich im Haus oder in den Schattenbereichen der Terrasse und des Gartens auf. Die Gruppe war schon seit dem späten Vormittag an Bord unseres Katamarans, folglich war ich auch nicht abgelenkt und konnte mein Atemtraining gut umsetzen.

Den dritten Tag startete ich mit Yoga – dem Sonnengruß. Anschließend stärkte ich mich beim Frühstück mit grünem Tee und einem Zimtbrot mit Banane.

Später, als unser Skipper wieder das offene Meer ansteuerte, waren die Delfine längst vor ihrem Erscheinen in meinem Kopf und erinnerten mich brav an meine Atemübungen. Als sich die ersten Bottlenoses (große Tümmler) zeigten, dauerte es auch gar nicht lange und unsere Gruppe war im Wasser. Die Entscheidung sich anzunähern lag stets bei den Delfinen. Ich gab mir die größte Mühe mit meiner achtsamen Atmung und das wurde unmittelbar belohnt. Zwei spotted Dolphins
(Fleckendelfine, besonders verspielt) schwammen in einem Abstand von drei Metern an meiner linken Seite. Ihr Blick war ergreifend. So wissend. Er traf mich wie ein Laserstrahl. Und ihre Botschaft war eindeutig:

Der Atem verankert das Bewusstsein im Körper.

Ab diesem Zeitpunkt spürte ich in meinem Leben eine andere Qualität. Mehr Energie, weniger Müdigkeit, mehr Freude, weniger Widerstände. All das verdanke ich den Delfinen, die offenbar hervorragende Therapeuten sind und wissen, wie man mit seiner Atemluft gut haushaltet.

Der Tag endete mit einem auswärtigen Dinner im Bimini Beach Club. Dort verwöhnten wir uns mit originaler karibischer Küche – es gab frittierte Conch-Shells mit Cesars Salad. Eine dreiköpfige einheimische Band lieferte super Musik für unser Verdauungstänzchen.

Am vierten Tag spielte das Wetter anfangs nicht so recht mit, für den Bootstrip war es einfach zu stürmisch. Also hatten wir Zeit ein wenig zu shoppen. Einen Pareo, Muschelschmuck und Delfindeko, sowas kann man immer gebrauchen. Absolut sehenswert ist das Dolphin House in Alicetown, North Bimini. Es ist ein sehr originelles Minimuseum, verziert mit vielen liebevollen Details. Gründer und Eigentümer ist Ashley Saunders.

Mermaid im Dolphinhouse
Das kreativ gestaltete Dolphinhouse

After Lunch hatte sich die See wieder beruhigt und unser Boot konnte doch noch ablegen. Wir schifften zum Schnorcheln an einen wunderbaren einsamen Ort auf der Inselrückseite. Für eine Weile gesellte sich ein freundlicher Rochen zu uns, er war genauso neugierig wie wir.

Irgendwann nachmittags, als wir wieder mal nach den Delfinen Ausschau hielten und sie es anscheinend auch spürten, verstärkte sich der Seegang erneut und keiner von uns konnte noch sicher stehen. In einer Reihe saßen wir ganz vorne im Boot und ließen die Füße ins Wasser baumeln. Plötzlich fühlte ich etwas unter meinen Fußsohlen…da waren sie…die Bottlenoses und die spotted Dolphins, sie meldeten sich zurück. Heute veranstalteten sie eine besonders lustige und sportliche Show. Sie machten große Sprünge und streiften immer wieder unsere Füße. Sie ritten auf der Bugwelle, um Energie zu sparen.

Auf dem Rückweg machten wir eine kleine Bootsparty. Laute Musik (die Delfine waren außer Reichweite) und tanzen nach Lust und Laune. In meiner Partystimmung dachte ich an die Delfine, wie sie mit Seegras spielten. Und ich hörte, wie sie die Luft aus ihrem Blasloch stießen. Buff…buff…hörte ich immer. Eben erlebte Momente, alle noch ganz frisch. Momente, die süchtig machen können.

Von diesen Erinnerungen zehre ich heute noch, denn es waren die letzten Bilder, die ich von meinen Freunden live zu sehen bekam. Am fünften und am sechsten Tag suchten wir sie wie `die Stecknadel im Heuhaufen´ – vergeblich. Sie kamen nicht mehr. Ich vermisste ihr Quietschen, das sich wie Vogelgezwitscher anhörte. Etwas ungläubig und schweigsam begaben wir uns mit dem Boot auf den Rückweg zu unserer Ferienanlage.

Am siebten Tag war Abflug heimwärts. Für mich war es mehr als ein schöner Urlaub. Es war eine gegenseitige respektvolle Begegnung und eine große Ehre, diese Tiere in ihrem freien Lebensraum besucht haben zu dürfen.

Nach meiner Ankunft in Deutschland entschloss ich mich zu einem Ehrenamt als Delfin–Botschafterin, als Zeichen einer tiefen Verbundenheit.